Sparsamkeit bei Feuerwehren - für viele ehrenamtliche und berufliche Helfer ein "Unding". "Denn wer bei den Feuerwehren spart, der spart an der Sicherheit der Bürger", da sind sich alle einig. Dass es aber auch sparsame Feuerwehren geben kann, ohne Verzicht üben zu müssen, das zeigt dieses Beispiel aus Bayern. In Markt Langquaid geht es sogar noch weiter: Durch gezielte Sparsamkeit, die schon seit Jahrzehnten gelebt wird, hat die dortige Freiwillige Feuerwehr viel mehr, als ihr eigentlich zustehen würde. Als Stützpunkt-Feuerwehr eingestuft, bräuchten Gemeinde und Bürgermeister eine Drehleiter zum Beispiel gar nicht zu genehmigen. Doch durch eine kluge Taktik, höchst engagierte Mitglieder und Hilfen aus der Region, gibt es seit wenigen Monaten nicht nur eine neue Drehleiter, sondern vieles mehr. Das Konzept der Wehr: Gebrauchtes kaufen - oder den Umbau bei Neufahrzeugen einfach selber machen.
Es ist kurz nach Weihnachten, vor dem Rathaus steht noch die riesige Festtags-Tanne. Schon nach wenigen Minuten beendet der Bürgermeister von Langquaid ein Telefonat und nimmt sich Zeit für seine Feuerwehr. Das hauptberufliche Oberhaupt der Gemeinde erzählt dem Dräger Feuerwehr-Reporter alles über seine Erfahrungen mit seiner Wehr. "Immer sind sie da, wenn ich sie brauche. Ein ‚nein’ habe ich noch nie gehört", meint der seit knapp zehn Jahren amtierende Herbert Blascheck (44) dankbar. Eigentlich müsste er seiner Feuerwehr nur drei Fahrzeuge (Tanklöschfahrzeug, Löschfahrzeug und Mehrzweckfahrzeug) zuzüglich eines Verkehrs-Sicherungs-Anhängers für Autobahneinsätze genehmigen. Letzterer würde sogar aus anderen Mitteln finanziert. Doch neben einem Voraus-Rüstwagen, der auch als Kommandowagen dient, gibt es ein 2-Achser-Tanklöschfahrzeug, einen Rüst-Logistikwagen, ein altes historisches Bundeswehr-Flugfeld-Löschfahrzeug, zwei Sonderkomponenten-Anhänger und eine Wache, in der all diese Fahrzeuge Platz finden. "Normalerweise wird der Verkehrsanhänger von einem LF gezogen. Dann sitzen neun Leute im Fahrzeug und können nicht arbeiten. Durch unseren Unimog, den wir als Versorger-LKW nutzen, sitzen maximal zwei Kameraden im Fahrzeug", erklärt der 1. Kommandant der Langquaider Feuerwehr Rainer Wocheslander (32). Da das benachbarte Bayerische Rote Kreuz keine Waschhalle hat, stellte die Feuerwehr einfach ihre zur Verfügung. Außerdem findet man eine Drehleiter in der großen Wache, die neben dem besagten Waschplatz insgesamt acht Stellplätze beherbergt. Im Obergeschoss befinden sich Vorstands- und Unterkunftsräume, dazu ein Kameradschaftsraum, das "Floriansstüberl". Ein Schlauchturm und eine kleine Leitstelle runden den Neubau aus 2002 ab.
Bürgermeister Herbert Blascheck freut sich über viel Eigeninitiative und Unterstützung aus seiner Feuerwehr
Der Draht zur eigenen Kommune scheint für die Feuerwehr im Landkreis Kelheim immer heiß und eng zu sein. Denn obwohl die Wehr bereits vor 15 Jahren eine Drehleiter kaufte, gab es nun bei der Ersatzbeschaffung für die alte Magirus-Leiter der Feuerwehr München, keine Widerworte. "Das war eine Drehleiter mit Unfallschaden. Das haben wir aber alles repariert. 13 Jahre hat sie bei uns gute Dienste geleistet, bis eben höhere Kosten gekommen wären", schwärmt Rainer Wocheslander. Anstelle von gut 400.000 Euro kostet der Ersatz ja auch nur 10.000 Euro. Doch unbeziffert bleibt dabei der finanzielle Wert der vielen hundert Arbeitsstunden von Feuerwehr-Kameraden, die neue Bleche einschweißten, die Gerätefächer umbauten und die Drehleiter neu lackierten. "Es ist unser Ehrgeiz, noch mehr Geräte für die Sicherheit der Bürger zur Verfügung zu haben. Jeder Umbau hat die Kameradschaft gefördert und wir konnten dabei sogar der Gemeinde noch etwas Gutes tun und Geld sparen", erklärt der seit März 2011 amtierende Wehrführer. "Natürlich haben wir Glück, dass wir auch die richtige Mannschaft haben: Mechaniker, Lackierer, Spengler - ansonsten wäre es gar nicht möglich." Auch durch den angeschlossenen Feuerwehrverein wurde der Umbau oft erst machbar. Seit 2002 hat der Verein gut 50.000 Euro in die Wehr investiert.
Rainer Wocheslander ist Kfz-Meister und 1. Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Markt Langquaid
Dass Sparsamkeit Grenzen kennen muss, sagt auch Rainer Wocheslander: "Es geht nicht darum, einfach nur Geld zu sparen und alte Fahrzeuge zu kaufen. Wir wollen vor allem eine schlagkräftige Gruppe sein - und durch mehr Technik schaffen wir auch größere Anreize für Bürger, sich bei uns zu engagieren." Durch die vielen Abteilungen - seit zwei Jahren sind die Langquaider auch in der Absturzsicherung aktiv - gibt es neue spannende Aufgabengebiete. 70 aktive Feuerwehrleute, 13 Mitglieder in der Jugendfeuerwehr und vier Ehrenmitglieder - die Wehr steht gut da. Zehn Mitglieder bilden dabei den Führungsstab. Auf den harten Kern von 20 Helfern können sich jedoch alle bei den Fahrzeug-Umbauten verlassen. "Hier bringt es einfach Spaß, gemeinsam etwas Neues zu lernen. Außerdem: Umso mehr Ausrüstung wir haben - umso mehr können wir Interessantes ausbilden. Natürlich halten wir dabei die Normungen für Feuerwehren ein. Auch weil wir Zuschüsse ja nicht verspielen wollen."
Die Kameraden der Feuerwehr Langquaid sind stolz auf ihren Fuhrpark und die Wache, in die viel Eigenleistung und Engagement geflossen sind
Doch das ist längst nicht alles. Zur 1868 gegründeten, heutigen Stützpunkt-Feuerwehr Langquaid gehören ja noch sechs weitere Ortsfeuerwehren, die nicht im Feuerwehrhaus am Floriansplatz liegen, ist dem Wehrführer wichtig zu erwähnen: "Ohne sie, könnten wir viele Einsätze gar nicht abarbeiten. Schon alleine, dass deren TSA oder TSF die Wasserversorgung sicherstellt, hilft uns ungemein. Wir können und wollen nicht auf sie verzichten", so der hauptberufliche Kfz-Meister. Auch die Ortswehren haben - wenn auch ältere Tragkraftspritzenanhänger (TSA) oder Tragkraftspritzenfahrzeuge (TSF) - ziemlich neue Gerätehäuser: "Das älteste ist so um die zehn Jahre alt", erklärt der 1. Kommandant und zählt dabei etwa 114 Einsätze für alle Wehren gemeinsam.
"Neue Fahrzeuge haben oft viel Technik, die erst einmal verstanden werden muss. Dadurch, dass wir unsere Fahrzeuge selber ausbauen und fast jede Schraube kennen, können wir damit sehr viel schneller richtig umgehen und es schneller in Dienst stellen", sagt Wocheslander. "Manche modernen Fahrzeuge haben im Innenraum sogar schon Ampeln. Was sie anzeigen, weiß keiner so genau. Warum, auch nicht. So etwas brauchen wir hier nicht", sagt Kreisbrandinspektor Dipl.-Ing. Helmut Dötzel (55), dessen Feuerwehr-Wurzeln selbst auch in Langquaid liegen. "Nur den Einsatzzweck müssen die Fahrzeuge bringen."
Kreisbrandinspektor Helmut Dötzel begrüßt den Pragmatismus und die Sparsamkeit der Langquaider
Die Drehleiter, die von den Feuerwehrleuten modernisiert und angepasst wurde, wird von der Gemeinde inzwischen als zweiter Rettungsweg quasi mit eingeplant. Das spart bei so manchem Häuslebauer Kosten - und der Feuerwehr ist so weiterhin eine Ersatzbeschaffung nach dem derzeitigen Modell gesichert. Auch die anderen Fahrzeuge haben mehr als nur eine Daseinsberechtigung: "Die Einsatzzahlen zeigen es pro Fahrzeug. Wir brauchen jedes Gerät und nutzen es nicht nur für Übungen", erklärt Dominike Wagner (34). Sie ist eine von drei aktiven Frauen in der Wehr und Zweite Kommandantin sowie Drehleiter-Maschinistin. Sie wurde bereits im März 2010 gewählt. Der bisherige Wehrführer, der fast 24 Jahre im Amt war, hatte sich seine Nachfolger ausgesucht und mit der Wehr auf eine gute Übergabe hingearbeitet. So sieht Fortschritt in Bayern aus. "Irgendwo gibt es immer einen Generationenwechsel. Da muss alt zu jung und umgekehrt stehen. Nach so einer langen Zeit gehört ein junger Kommandant an die Spitze, der den Großteil einer Wehr repräsentiert. Dann passt es wieder", erklären die Feuerwehrleute. Nach dem Neubau 2002 sind einige Quereinsteiger in die Wehr eingetreten. Durch Freundschaften und Mundpropaganda hat sich die gute Nachricht von der persönlichen Gewinnbringung jedes Einzelnen herumgesprochen.
Dominike Wagner (33, stellv. Wehrführerin), Stephan Schäpers (38, Gerätewart), Tobias Schmid (31, Öffentlichkeitsarbeit), der die Bewerbung an den Dräger Feuerwehr-Reporter geschrieben hat, und Rainer Wocheslander (32, Wehrführer)
Auch das technische Knowhow hat sich bereits für Nachbarwehren bezahlt gemacht. Denn für einige Wehren übernimmt die Feuerwehr Langquaid die Schlauchpflege und stellt ein Schlauchlager bereit. "Über 1.800 Schläuche haben wir im vergangenen Jahr geprüft und gereinigt. Wir sind der Schlauchpool für 15 Wehren." Für die eigenen Fahrzeuge übernehmen die ehrenamtlichen Gerätewarte und Kfz-Meister der Wehr alle Kunden- und Wartungsdienste. Auch hier wird also bares Geld gespart. Da passt es doch, dass auf allen Fahrzeugen das Abbild des heiligen Jakobus prangt, er ziert auch das Wappen von Langquaid. Denn im christlichen Glauben zeichnet sich ja auch der Jakobsweg, also die Pilgerwege zum Heiligen Jakob nach Santiago de Compostela (Spanien), durch Verzicht aus. Und auch hier soll der Verzicht letztlich ein Mehr bringen.