Umweltbewusste Anästhesie - Umweltbewusste Anaesthesie Anaesthesist im OP Saal

Umweltbewusste Anästhesie

Zum Vortrag "Green Anaesthesia"

Besseres Klima im OP

Der Weltärztebund hat den Klimanotstand ausgerufen und eine Klimaneutralität bis 2030 gefordert. Eines der vielen Details, auf die zu achten sei: eine umweltbewusste Anästhesie. Die Herausforderung ist das Narkosegas.

Text Isabell Spilker     Fotos Redaktion 4 (über Shutterstock und iStock)

Umweltbewusste Anästhesie - Operationssaal mit Narkosegeraet

Operationssäle können ihren Teil dazu beitragen, den CO2-Fußabdruck zu verringern. Vor allem Narkosegase sind ins Visier gerückt, denn rund ein Drittel der Treibhausgasemissionen eines Krankenhauses entfallen auf die Nutzung inhalativer Anästhetika.

Energiebilanz verbessern

Klimaschutz ist spätestens mit der Fridays-for-Future-Bewegung ins allgemeine Bewusstsein gelangt. Aus gutem Grund wird versucht, die Energiebilanz der Erdatmosphäre zu verbessern. Der Einfluss des Menschen hat die Treibhausgase in den vergangenen 50 Jahren auf Werte ansteigen lassen, die es seit 800.000 Jahren nicht gab. Auch der ökologische Fußabdruck in der Medizin ist groß – fünf bis zehn Prozent der Emissionen westlicher Länder sind dem Gesundheitssektor zuzurechnen. An vielen Themen wird bereits gearbeitet. „Green Hospital“ ist ein anhaltender Trend, der Müllberge und Energiebilanzen im Fokus hat und ein nachhaltiges Gesundheitssystem aufbauen will. Auch Operationssäle können ihren Teil dazu beitragen, den CO2-Fußabdruck zu verringern. Vor allem Narkosegase sind ins Visier gerückt, denn rund ein Drittel der Treibhausgasemissionen eines Krankenhauses entfallen auf die Nutzung inhalativer Anästhetika.

Umweltbewusste Anästhesie - Anaesthesistin im OP Saal

Inhalationsanästhetika: Streng genommen sind sie gar keine Gase, sondern flüchtige, volatile Anästhetika, die bereits bei niedrigen Temperaturen verdampfen. In speziellen Vaporen lässt sich dieser Prozess steuern. Jedes Narkosegas hat Vor- und Nachteile, der jeweilige Einsatz wird nach Bedarf des Patienten entschieden und angepasst.

Umweltbewusste Anästhesie - Anaesthesistin gibt Narkose

Das optimale Narkosegas zeichnet sich dadurch aus, dass es schnell im Körper anflutet und wirkt. Gleichzeitig sollte es rasch wieder ausgeschieden werden können, sobald die Narkose beendet ist. Die gängigsten sind Sevofluran, Desfluran und Isofluran.

Um die halbe Welt – für eine Narkose

Die American Society of Anesthesiologists (ASA) ruft mit der „Inhaled Anesthetic 2020 Challenge“ dazu auf, die Kohlenstoffemissionen von Anästhetika um 50 Prozent zu reduzieren. Auch die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) sowie der Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA) beschäftigen sich mit dem Thema. Gemeinsam haben sie 2020 die Kommission „Nachhaltigkeit in der Anästhesiologie“ gebildet und ein Positionspapier mit konkreten Handlungsempfehlungen veröffentlicht. Einer der zentralen Punkte: mit volatilen Anästhetika konsequent auf Low- oder Minimal-Flow zu setzen.

Low- und Minimal-Flow-Narkosen sind gekennzeichnet durch die niedrige Zufuhr von Frischgas in das Atemgassystem des Geräts, wie etwa beim Dräger Perseus A500. Für eine möglichst sichere Narkose war der Frischgas-Flow in der Vergangenheit meist sehr hoch. Für den Anästhesisten ist das der unkompliziertere Weg; steuert er die Anästhesie über High-Flow, muss er sich weniger um die Narkoseführung kümmern. Das ist ein bisschen wie SUV fahren: sicher und bequem, aber nicht wirklich umweltschonend. Das Kohlendioxidäquivalent der Inhalationsanästhetika betrug 2014 rund drei Millionen Tonnen. Es gibt an, wie viel eine bestimmte Menge eines Treibhausgases im Vergleich zur gleichen Menge CO2 zur Erderwärmung beiträgt. Volatile Anästhetika sind halogenierte Kohlenwasserstoffe; hochpotente Treibhausgase, von denen einzelne mit besonders hoher Global Warming Potenz (GWP) hervorstechen. Im Kyoto-Protokoll von 1997 wurde ihre Reduzierung vereinbart; in Kigali 2016 sogar ein gänzlicher Verzicht bis 2035. Anästhesien wurden davon allerdings ausgenommen, weil es sich um medizinisch notwendige Substanzen handelt. Das Problem: Der Verbrauch an volatilen Anästhetika ist weltweit stark gestiegen. Ursachen sind eine verbesserte medizinische Versorgung sowie das steigende Alter der Menschen, die zudem häufiger operiert werden.

„Die Jüngeren sind für den Wandel und handeln nach dem Prinzip: Flow as low as you can go!“

Professor Dr. Manuel Wenk I Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Florence-Nightingale-Krankenhaus

Narkosegasemissionen um bis zu 90 Prozent reduzieren

Minimal- und Low-Flow-Anästhesien können die Narkosegasemissionen um bis zu 90 Prozent reduzieren. Das hat den Vorteil, kosteneffizient zu arbeiten, zudem ökologisch, und dem Patienten gleichzeitig etwas Gutes zu tun. Während bei Low-Flow der Frischgas-Fluss auf max. 1 l/min reduziert wird, kommen beim Minimal-Flow maximal 0,5 l/min zum Einsatz.

Ein Beispiel: Eine siebenstündige Narkose bei einem Frischgasfluss von 0,5 l/min mit 2 Prozent inhalativem Anästhetikum verursacht einen Treibhausgaseffekt vergleichbar mit einer fast 800 km langen Autofahrt. Bei konservativem Frischgasfluss hingegen (also rund 4–8 l/min) können das – je nach Anästhesiemittel – schnell 15.000 km sein. Grundvoraussetzung für Narkosen mit niedrigem Frischgasfluss sind Rückatemsysteme mit Absorber, der ausgeatmetes Kohlendioxid aus dem Atemkreissystem entfernt und bindet. Aus der Ausatemluft des Patienten werden außerdem die unverbrauchten Gase und Narkosemittel wiederverwendet. Dabei gilt: Je niedriger der Frischgas-Fluss, desto höher der Rückatemanteil und desto geringer der Verbrauch sowie die Belastung für die Umwelt.

Umweltbewusste Anästhesie - Dräger Connect

Die Vernetzung von Medizinprodukten erweitert auch die Möglichkeiten der Auswertung und Optimierung. Dräger Connect unterstützt, möglichst effizient und ökologisch zu arbeiten.

Effizient und ökologisch

„Flow as low as you can go!“, erklärt Professor Dr. Manuel Wenk das Motto, nach dem er schon seit seiner Facharztausbildung arbeitet. Seit er 2019 Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Florence-Nightingale-Krankenhaus der Kaiserswerther Diakonie in Düsseldorf wurde, hat er die OP-Bereiche auf volatile Anästhetika umgestellt. Bislang wurden die Narkosen dort fast ausschließlich mit total intravenöser Anästhesie (TIVA) geführt. Aus Überzeugung setzte Wenk sich für die Reduzierung der Müllberge ein, die mit den benötigten Einwegprodukten für die TIVA einhergingen. „Alle waren überrascht, wie schnell sich hier ein Effekt zeigte“, so der Mediziner. Um nicht vom Regen in die Traufe zu kommen, setzte er von vornherein auf Niedrigfluss-Narkosen. „Vor allem jüngere Kollegen drängen danach, die Dinge anders zu machen“, bestätigt Wenk das Umdenken. Da mit der neuen Ausstattung der Anästhesiearbeitsplätze und deren Vernetzung auch die Basis geschaffen wurde für Data-Analytics-Anwendungen, wie etwa Dräger Connect mit einer Gasverbrauchsanalyse, kann man sich seine Erfolge auswerten lassen. Als Team, versteht sich: „Wir betreiben keinen Wettbewerb untereinander. Es geht vielmehr darum, möglichst effizient und ökologisch zu arbeiten – und dabei unterstützt uns Dräger Connect.“

Mit dem richtigen Fluss Verantwortung übernehmen

Was nach schlagkräftigen Argumenten klingt, ist rund um den Globus noch nicht weitverbreitet. Jeffrey Feldman ist Professor für klinische Anästhesie am Children’s Hospital of Philadelphia, USA, und ein Verfechter von Low- und Minimal-Flow-Anästhesien. In Kinderkliniken ist es seiner Ansicht nach besonders schwierig, Kollegen davon zu überzeugen, die Flüsse zu reduzieren.

Sevofluran sei hier das am häufigsten verwendete inhalative Anästhetikum. Bei der Verwendung mit bestimmten Arten von Kohlendioxid- Absorbern erzeugt es Compound A. Obwohl Compound A bei Ratten nephrotoxisch wirken kann, wurde dieses Risiko beim Menschen bislang nicht verifiziert. Nicht zuletzt produzieren moderne Kohlendioxid-Absorber gar kein Compound A. Unabhängig davon besagen die Richtlinien der US-Gesundheitsbehörde FDA (Food and Drug Administration), dass Flüsse von weniger als einem Liter pro Minute niemals mit Sevofluran verwendet werden sollten. Viele Praktiker verwenden deshalb nicht weniger als zwei Liter pro Minute. „Natürlich versuche ich, meine Kollegen von der Sicherheit und dem Nutzen der Niedrigflussnarkosen zu überzeugen“, sagt der Mediziner, der sich für Umweltschutz stark macht und eine ganze Reihe an Fachartikeln publiziert hat, die die Sicherheit von Narkosen mit Low-Flow dokumentieren. „Da Anästhesisten den Frischgasfluss anpassen, ist jeder von ihnen für die Umweltauswirkungen der Anästhesiedämpfe und -gase verantwortlich“, sagt er.

Feldman möchte an das Verantwortungsbewusstsein seiner Kollegen appellieren: „Auch wenn die Umweltauswirkungen eines einzelnen Falls gering sein mögen, ist es sinnvoll, auf Verhaltensweisen zu achten, die sich über die gesamte berufliche Laufbahn erstrecken.“ Sein Appell richtet sich auch an die Hersteller volatiler Anästhetika. „Es ist an der Zeit, die Besorgnis über niedrige Flussraten aufzugeben, und sie wie auch Aufsichtsbehörden aufzufordern, alle Beschränkungen aus ihren Datenblättern für Arzneimittel zu entfernen“, sagt er. Medizinische Entscheidungen sollten auf Daten beruhen, nicht auf Überzeugungen.

„Wir sind es der Gesellschaft schuldig, daran zu arbeiten, unseren CO2-Fußabdruck stetig zu minimieren.“

Professor Jeffrey Feldman I Kllinische Anästhesie am Children’s Hospital of Philadelphia, USA

Erste Erfolge zeichnen sich ab

In einer Untersuchung konnte in einem US-Krankenhaus mit 600 Betten durch den Einsatz von Niedrigflussnarkosen das CO2-Äquivalent um 64 Prozent gesenkt und so 2,8 Millionen Kilogramm CO2 eingespart werden; das entspricht den jährlichen Emissionen von mehr als 600 Pkw. Zudem senkte Low-Flow die Kosten volatiler Anästhetika um 25.000 US-Dollar – pro Monat. Einige Einrichtungen haben große Fortschritte bei der Reduzierung ihres inhalativen Anästhesie-Fußabdrucks gemacht, andere stehen erst am Anfang. Es ist entscheidend, den aktuellen Stand der Emissionen zu messen und die Fortschritte zu verfolgen. Auch Prof. Manuel Wenk und sein Team freuen sich auf die erste Jahresauswertung ihrer zwölf Anästhesiearbeitsplätze mithilfe von Dräger Connect. Ein Kollege begutachtet gerade die erfolgte Umstellung von intravenöser auf volatile Narkoseführung – unter Berücksichtigung sämtlicher Parameter. Dass nun im OP-Bereich auf Einweg-Kaffeebecher verzichtet wird, das Team zudem etliche Kilometer beim „Stadtradeln“ zurücklegt, darf dort allerdings nicht berücksichtigt werden – ist aber gut für den persönlichen CO2-Fußabdruck.

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Analyse von Krankenhausdaten - Datenanalyse im Krankenhaus

Dräger Connect

Die Vernetzung von Medizinprodukten erweitert auch die Möglichkeiten der Auswertung und Optimierung. Mit Dräger Connect lassen sich beispielsweise die technischen Logbücher aller Anästhesiegeräte eines Klinikums auswerten und im Rahmen einer Gasverbrauchsanalyse übersichtlich darstellen. Neben den Verbräuchen wird auch die Effizienz visualisiert – vom kurzen Überblick bis zur detaillierten Analyse einzelner OP-Bereiche oder Anästhesiegeräte.

Analyse von Krankenhausdaten

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