Eine Frage der Sicherheit - LKW Versand bei Deichmann

Chemie im Schuh?

Bis zu 20 Prozent aller Frachtcontainer sind laut Messungen mit Schadstoffen belastet. Werden sie geöffnet, kann das für Menschen gefährlich werden. Deutschlands größter Schuhhändler Deichmann misst deshalb alle Container vor dem Öffnen frei.

Text Frank Grünberg     Fotos Patrick Ohligschläger

Eine Frage der Sicherheit - Distributionszentrum Bottrop

Voll beladen im Distributionszentrum Bottrop in Nordrhein-Westfalen treffen täglich Container mit Schuhen und Taschen aus Übersee ein.

Ob Pumps, Stiefel oder Sneaker: In seinen Filialen setzt Deichmann sein Angebot spektakulär in Szene. In einem Flagship-Store in der Essener Innenstadt zeigt das Unternehmen auf drei Etagen, wie es die analoge und die digitale Welt zu einem Einkaufserlebnis vernetzt. Zwischen den Regalen findet sich viel Platz, um Schuhe an- und auszuprobieren. „Digital Signage“ genannte Flachbildschirme bieten Unterhaltung, Informationen und weitere Kaufanreize. Eine Innovation bleibt allerdings unsichtbar, obwohl sie Mitarbeitern und Kunden eine höhere Sicherheit bietet: Alle Schuhe sind „freigemessen“ – sie wurden darauf geprüft, dass sie keine gefährlichen Substanzen mehr ausdünsten.

Sicherheit hat Tradition

Die Deichmann SE mit Stammsitz in Essen wurde 1913 gegründet und befindet sich in Familienbesitz, mittlerweile in dritter Generation. Mehr als 40.000 Mitarbeiter verkauften im vergangenen Jahr in mehreren Tausend Filialen sowie über 40 Online-Shops in 30 Ländern rund 183 Millionen Paar Schuhe. Damit behauptet man in Deutschland die Marktführerschaft. Das Leitbild lautet: Das Unternehmen soll den Menschen dienen. Nicht umgekehrt. Umgesetzt wird es auf verschiedenen Ebenen der täglichen Arbeit. So auch wenige Kilometer von Essen entfernt, im Distributionszentrum der Nachbarstadt Bottrop. Über den Hamburger Hafen landen hier per Container vor allem Schuhe und Taschen aus Übersee. Mehrere Dutzend Mitarbeiter prüfen dann die Waren, sortieren sie und sorgen dafür, dass sie auf firmeneigenen Lkw in die Deichmann-Filialen geliefert werden. Was auffällt: Anders als bei anderen Logistikfirmen pickt hier kein einziger Roboter die Schuhkartons aus den Hochregalen. Stattdessen werden Gabelstapler ausschließlich von Menschen gesteuert.

„Roboter kaufen keine Schuhe“, sagt Standortleiter Dirk Nakowitsch. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen ausreichend Arbeit haben.“

Dirk Nakowitsch, Standortleiter

Diese Haltung schlägt sich bei Deichmann auch im Arbeitsschutz nieder. So dürfen die Logistikmitarbeiter keinen Überseecontainer öffnen, bevor dieser nicht freigemessen wurde. Schließlich war jeder der Stahlbehälter, der voll bepackt bis zu 8.000 Schuhkartons nach Bottrop bringt, rund sechs Wochen von Asien nach Deutschland unterwegs. „In dieser Zeit können sich im Inneren Gasgemische bilden“, weiß Dirk Nakowitsch. „Wir müssen verhindern, dass unsere Mitarbeiter damit in Berührung kommen.“

Eine Frage der Sicherheit - Logistik-Mitarbeiter beim freimessen

Prinzip "Vorsicht": Die Logistik-Mitarbeiter dürfen keinen Überseecontainer öffnen, bevor dieser nicht freigemessen wurde.

Rund 300 flüchtige organische Verbindungen

Das Freimessen von Kanälen, Schächten und Tanks zählt in vielen Industrien – etwa in Raffinerien, Chemie- oder Entsorgungsbetrieben – schon lange zur täglichen Routine. Bei Deichmann wurde den Verantwortlichen bereits vor rund zehn Jahren klar, dass das Thema auch den Schuhhandel interessieren sollte. Damals meldete der Zoll im Hamburger Hafen, dass sich Beamte beim Öffnen eines Containers Verletzungen durch das Einatmen toxischer Gase zugezogen hätten. Das, so schlussfolgerte man in der Essener Firmenzentrale, könnte jederzeit auch bei den eigenen Lieferungen und den eigenen Mitarbeitern passieren.

Für Menschen geht die größte Gefahr von flüchtigen organischen Verbindungen aus, so genannten VOC (Volatile Organic Compounds). Sie können aus Klebstoffen oder Kunstleder ausdünsten, in höheren Konzentrationen Kopfschmerzen verursachen, Augen wie Atemwege reizen und langfristig lebenswichtige Organe schädigen. Experten sind heute rund 300 verschiedene VOC bekannt – nicht alle sind toxisch. Wirkliche Sicherheit schafft, wer einen möglichen VOC-Cocktail zuverlässig auf seine Bestandteile vermessen kann. Wann die Konzentration einzelner organischer Verbindungen in einem geschlossenen Container einen kritischen Wert erreicht, lässt sich allerdings nicht vorhersagen. Entscheidend sind die Chemikalien, die bei der Schuhproduktion zum Einsatz kommen.

Ähnliches gilt für die Witterungsbedingungen während des Transports: Je höher die Temperatur, desto mehr gasen Substanzen aus. Wo sich im Winter keinerlei Probleme zeigen, kann sich im Sommer ein Gas-Cocktail zusammenbrauen. Deichmann nutzte bereits 2009 eine Messgrundlage für VOC in Containern, allerdings wies das damalige Gerät eine Schwäche auf: Es konnte nur die Gesamtkonzentration ermitteln, nicht aber die Konzentrationen einzelner Substanzen. Ändern ließ sich das mangels Alternative nicht – bis Marcel Cornelissen, der in der Qualitätssicherung von Deichmann arbeitet, vor zwei Jahren vom neuen Dräger-Gasmessgerät X-pid 9500 erfuhr. Kurzerhand schrieb er Dräger an, wenig später kam man ins Geschäft.

Eine Frage der Sicherheit - Gasmessung mit Draeger X-pid 9500

Gasmessung: Das X-pid 9500 von Dräger erleichtert die Kontrolle und Dokumentation; bedient wird es über dieses explosions-geschützte Smartphone.

Eine Frage der Sicherheit - Deichmann in Bottrop

Mensch statt Maschine: Bei Deichmann in Bottrop pickt kein einziger Roboter die Schuhkartons aus dem Hochregal.

Zweistufiges Messverfahren

Das X-pid wurde für Anwendungen entwickelt, die VOC häufig in niedrigen Konzentrationen – und vor allem – selektiv messen. Selektiv heißt: Das Gerät ermittelt nicht nur die Gesamtkonzentration, sondern auch die einzelner Substanzen. Das Kürzel „pid“ steht für Photoionisationsdetektor. Der setzt in einer Messkammer die angesaugte Umgebungsluft dem UV-Licht einer Gasentladungslampe aus. Dieses intensive Licht kann Gasmoleküle ionisieren, sodass Elektronen aus den Molekülen gelöst werden.
Dabei wird ein Messstrom erzeugt, der vom Detektor als Messsignal ausgewertet wird. In der ersten Messstufe (Messmodus „Sucher“) wird die Gesamtkonzentration ausgewertet und angezeigt. In der zweiten (Modus: „Analyse“) misst ein gaschromatographisches Verfahren ausgewählte Zielstoffe. Den breiten Überblick, den der Sucher liefert, fächert die Analyse detailliert in Einzelkonzentrationen (Substanz für Substanz) auf. Sowohl das Messgerät als auch das Verfahren hat Deichmann in einer Betriebsanweisung für die Qualitätskontrolle festgeschrieben. „Bei jedem Frachtcontainer muss vor dem Öffnen eine orientierende Gefahrstoffmessung vorgenommen werden“, heißt es dort. „Hierfür ist das Messgerät Dräger X-pid 9500 zu verwenden.“

Schon aus den in Prüflaboren erhobenen Daten wusste Deichmann, dass man es bei Schuhen mit 16 relevanten und für den Menschen gesundheitsgefährdenden Substanzen zu tun hat. Allen voran Benzol und Toluol. Bei den Grenzwerten ging das Unternehmen auf Nummer sicher; sie wurden, nach eigenen Angaben, im Branchenvergleich sehr niedrig angesetzt. Seitdem gilt vereinfacht je nach Grenzwert: Bei einer Gesamtkonzentration von weniger als 10 ppm kann ein Container entladen werden – ppm kennzeichnet den Anteil an Substanzen, bezogen auf eine Million Gasmoleküle. Hier besteht erfahrungsgemäß kein Handlungsbedarf. Bei einer Konzentration von bis zu 50 ppm ist eine zweite Analysemessung verpflichtend. In diesem Fall ist damit zu rechnen, dass die Konzentration einzelner VOC die kritische Marke übersteigt. Ab 50 ppm wird die Entladung des Containers zunächst untersagt. Stattdessen muss er samt Ladung so lange belüftet werden, bis die Konzentration auf unbedenkliche Werte gesunken ist. Gelingt dies nicht, wird er zurückgeschickt. „Bei uns werden kritische Grenzwerte ein- bis zweimal pro Monat überschritten“, sagt Qualitätsmanager Marcel Cornelissen. „Normalerweise lässt sich das Problem dann mit Frischluft lösen.“

Eine Frage der Sicherheit - Test ob Chemie im Schuh ist

Chemie im Schuh? Aus Klebstoffen können Gase ausdünsten und in höheren Konzentrationen Kopfschmerzen verursachen und Atemwege reizen.

Eine Frage der Sicherheit - Überseecontainer mit bis zu 8.000 Schuhkartons

Bepackt bis unter die Decke: Bis zu 8.000 Schuhkartons passen in einen einzigen Überseecontainer.

Neunmonatige Testphase

Bevor Deichmann das X-pid 9500 in den Regelbetrieb für die Freimessung von Containern übernahm, wurde es neun Monate lang getestet. Während dieser Zeit zeigten Vergleiche mit Laboranalysen, dass das portable Gerät sehr schnelle und zuverlässige Ergebnisse liefert. Zudem lässt es sich leicht bedienen und überträgt die Messergebnisse drahtlos an ein digitales Netzwerk – inklusive wichtiger Zusatzdaten wie GPS-Koordinaten und Containerkennung. Das erleichtert die Kontrolle und Dokumentation. So kann das Qualitätsmanagement alle Daten, die der Wareneingang im Distributionszentrum erfasst, in Echtzeit aus der Ferne einsehen und bewerten.

Was das Qualitätsmanagement von Deichmann zudem überzeugte, war das Engagement der Dräger-Mitarbeiter. Schritt für Schritt passten sie das Gerät, das ursprünglich für das Freimessen enger Behälter in der Öl- und Gasindustrie entwickelt worden war, an die speziellen Anforderungen bei Schuhcontainern an. Dafür tauschten sie beispielsweise die Kunststoffspitze der Messsonde durch eine dünnere Stahlspitze, um die Gummilippe der Containertür nicht zu beschädigen. Zudem erweiterten sie den Messbereich der Sonde durch die gezielte Zufuhr von Frischluft, damit das Gerät – anders als im Standard – auch Konzentrationen oberhalb von 65 ppm analysieren kann.

Schließlich bauten sie die Palette der detektierbaren VOC konsequent aus und spielten die Neuerungen per Software-Update in das X-pid 9500 ein. „Mittlerweile können wir acht der 16 für uns relevanten Stoffe selektieren“, beschreibt Marcel Cornelissen den aktuellen Stand. „Damit haben wir die beste Lösung, die derzeit verfügbar ist.“

Schadstoffe im Frachtcontainer

Mit dem Schiff sind Fracht-Container von Asien nach Europa bis zu acht Wochen unterwegs. Während dieser Zeit können sich in den Containern verschiedene Schadstoffe bilden. Wann ihre Konzentration einen kritischen Wert erreicht, lässt sich nicht vorhersagen. Entscheidend sind auch die Witterungsbedingungen während des Transports. Wo sich im Winter keinerlei Probleme zeigen, kann sich im Sommer ein Gas-Cocktail zusammenbrauen. Dieser lässt sich jedoch mit einer Freimessung detailliert erfassen.

Einheitliche Testmethode?

Zum 1. April 2020 schloss Deichmann die Auslieferung des X-pid 9500 in seinen neun Distributionszentren ab. Fünf davon befinden sich in Deutschland, die anderen in den Niederlanden, der Slowakei, Polen und der Schweiz. Die Geräte werden regelmäßig im Rahmen eines Servicevertrags gewartet. Die Mitarbeiter in Deutschland wurden zentral in Bottrop geschult, die im Ausland an den jeweiligen Standorten. Zudem empfahl Marcel Cornelissen das X-pid 9500 in der Arbeitsgruppe VOC der „Kooperation für abgesicherte definierte Standards bei den Schuh- und Lederwarenprodukten e. V.“ (cads). Die 83 Mitgliedsunternehmen haben es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, die Qualität von Schuh- und Lederwaren zu sichern. Welches Interesse hat Deichmann daran, dass auch die Konkurrenz das X-pid 9500 nutzt? „Es wäre gut, wenn sich die gesamte Branche auf eine einheitliche Messmethode für VOC-Konzentrationen einigt“, sagt Cornelissen. „Dann ließe sich der Druck auf die Hersteller erhöhen, sich an unsere Vorgaben zu halten.“

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