Interview mit Stefanie Hirsch: Nachhaltigkeit und Qualität im Fokus
—Seit dem 1. Juli 2024 leitet Stefanie Hirsch das Vorstandsressort Nachhaltigkeit und Qualität. Hier spricht sie über ihre neue Rolle und was unseren Planeten künftig ein Stück besser macht.
Wie sind Sie Ihre Rolle als Vorständin für die Themen Nachhaltigkeit und Qualität angegangen?
Ich komme aus dem Qualitätsbereich. Damit kenne ich mich bestens aus. In den ersten Wochen habe ich mich daher intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt. Es geht dabei nicht nur um umweltrelevante Fragen. Die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2015, die unseren Planeten bis 2030 zukunftsfähig machen sollen, bringen unsere Herausforderungen im Bereich Nachhaltigkeit gut auf den Punkt.
Wie verbinden Sie Nachhaltigkeit und Qualität in Ihrer neuen Rolle?
Nachhaltigkeit muss überall mitgedacht und gut koordiniert werden, ebenso wie Qualität. Dank meines neuen Vorstandsressorts können wir die verschiedenen Qualitätsbereiche organisatorisch stärker verzahnen und beim Thema Nachhaltigkeit neue Synergien schaffen. Unsere Kunden achten verstärkt auf Nachhaltigkeit, was sich bei Ausschreibungen, etwa in der Medizintechnik, zeigt. Auch Banken prüfen bei Finanzierungen genau, wie Unternehmen bei internationalen Ratings abschneiden. Wir müssen transparenter werden, was die 17 Nachhaltigkeitskriterien der Vereinten Nationen betrifft, sei es bei Lieferketten, Lieferantendaten oder CO2-Fußabdrücken unserer Produkte.
Wie passt das neue Ressort zum Unternehmensziel "Profitabilität zuerst"? Denn es kostet zunächst einmal Geld.
Unser Unternehmensziel "Profitabilität zuerst" steht nach wie vor ganz oben auf der Agenda. Das können und wollen wir nicht aus den Augen verlieren. Natürlich ist das neue Ressort zunächst eine gewisse Investition. Gleichzeitig haben wir darauf geachtet, diese mit Augenmaß zu tätigen. Zudem hat Nachhaltigkeit viel mit Profitabilität zu tun, denn ein gutes nachhaltiges Wirtschaften sorgt für stabile Finanzen.

Nachhaltigkeit hat viel mit Profitabilität zu tun, denn ein gutes nachhaltiges Wirtschaften sorgt für stabile Finanzen, so Stefanie Hirsch.
Welche Möglichkeiten sehen Sie, Nachhaltigkeit von Anfang an in der Entwicklungsphase mitzudenken?
Seit rund zehn Jahren nutzen wir intern unseren EcoDesign-Prozess, der sich ständig weiterentwickelt. Wir betrachten dabei den gesamten Lebenszyklus eines Produkts hinsichtlich der Nachhaltigkeitsaspekte, von den Rohstoffbeschaffung bis hin zur Entsorgung. Nachhaltigkeit ist bei unserer Produktentwicklung längst ein entscheidender Faktor. Wir müssen uns bereits in der Entwicklung fragen, was nach der Nutzungsphase passiert und wie wir unsere Produkte darauf vorbereiten können. Jeder, der sich beispielsweise mit folierten Verpackungen beschäftigt hat, kennt das Problem: Sie lassen sich nicht trennen und müssen verbrannt werden. Solche Aspekte müssen wir bei neuen Produkten stärker berücksichtigen.
Das Thema PFAS ist bedeutsam für Dräger. Wie stehen Sie zu einer möglichen Regulierung von PFAS?
PFAS ist ein prominentes Beispiel für bevorstehende Regulierung aufgrund negativer Umwelteinflüsse. Ähnlich wie bei der RoHS-Richtlinie und der Medical Device Regulation müssen wir auf externe Anforderungen reagieren. Aktuell gibt es auf europäischer Ebene noch keine endgültigen Restriktionen für PFAS, aber rund 10.000 Substanzen könnten betroffen sein. Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) bewertet derzeit Rückmeldungen aus der Industrie. Einige EU-Länder, wie Dänemark, planen nationale Verbote, etwa in Kosmetika. Es fehlt oft noch das Verständnis, dass PFAS nicht per se problematisch sind. Kurzkettige Moleküle sind meist schädlicher und bereits stark eingeschränkt. Wir nutzen langkettige Fluorpolymere, die als weniger bedenklich gelten. Unsere Produkte landen zudem nicht einfach als Abfall in der Umwelt. Hier sind entsprechende Rückführungskonzepte gefragt, um dies auch zukünftig zu verhindern.
Thema Profitabilität: Hat sich Dräger in der Vergangenheit mitunter verrannt und einige Produkte mit zu vielen Features ausgestattet, die von Anwendern kaum oder nur wenig genutzt wurden?
Das ist ein Thema, das wir bei Neuentwicklungen immer wieder diskutieren. Wir müssen da eine gute Balance finden. Insofern kann ich die Frage nicht mit Ja oder Nein beantworten. Unsere Produkte entwickeln sich auch dahingehend weiter, was in Fachkreisen relevant wird. Dennoch ist es sinnvoll zu prüfen, für welche Fälle etwa das Klinikpersonal tatsächlich welches Feature benötigt. Meist wird nach Standardverfahren behandelt und doch brauchen manche Fälle eben ein hoch spezialisiertes Gerät mit entsprechenden Features. Das müssen wir aus Kundensicht immer wieder neu und gründlich bewerten; zumal unsere Entwicklungszeiten auch deutlich länger sind als in der Konsumgüterindustrie.
Was unterscheidet die Bereiche Qualität und Nachhaltigkeit in Ihrem Vorstandsressort?
Qualität hat sich etabliert und begleitet uns seit der Firmengründung als eine von vier Unternehmensstärken. Bei Nachhaltigkeit erleben wir gerade einen extremen Schub. Das ist wie ein Adrenalinkick! Wir sind die erste Generation, die die Auswirkungen des Klimawandels spürt, und (vermutlich) die letzte, die etwas dagegen tun kann. Das gibt unserer Arbeit einen noch tieferen Sinn. Wir müssen konsequent unsere Dekarbonisierung verfolgen, um bis 2045 klimaneutral zu sein. Dazu zählt auch, ab dem kommenden Jahr die CO2-Fußabdrücke unserer Produkte sukzessive zu ermitteln und abzubilden.

Stefanie Hirsch in ihrem Büro: Die neue Vorständin für Nachhaltigkeit und Qualität bei der Arbeit.
Welche besonderen Fähigkeiten und Erfahrungen bringen Sie in den Dräger-Vorstand ein?
Ich bringe ein anderes technisches Verständnis mit. Ich bin Biotechnologin. Zudem befinde ich mich in einer anderen Lebensphase als meine Kollegen, da ich eine kleine Tochter habe. Das hilft mir auch dabei, Aspekte, die die gesamte Belegschaft betreffen, noch einmal mit anderen Augen zu sehen. Viele Themen sollten aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden, was meine neue Aufgabe umso spannender macht.
Gab es in Ihrem Berufsleben Momente, an denen Sie gedacht haben aufzuhören?
Ach, da gab es viele (lacht). Eine Situation erinnere ich genau: Ich war Projektleiterin eines großen Konzernprogramms. Es hing viel an der erfolgreichen Umsetzung. Gut gemeinte Ratschläge und Kritik landeten bei mir. Das habe ich eine ganze Zeit lang ausgehalten, doch dann kam der Punkt, an dem es mich persönlich angriff und zermürbte. Ich konnte nicht mehr gut schlafen und hatte Angst zu scheitern. Glücklicherweise hat mich der damalige Standortleiter aufgefangen und alles, was mich noch mehr aus der Fassung gebracht hätte, von mir ferngehalten. Und er tat noch etwas: Er hat mir gesagt, dass er an mich glaubt und mich ermutigt weiterzumachen. Es ist dann gut ausgegangen. Ich habe daraus gelernt, wie wichtig es als Führungskraft ist, den Menschen, die sich mühen, den Rücken freizuhalten, wenn es drauf ankommt.
Was raten Sie Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden?
Es ist wichtig, regelmäßig zurückzutreten und die eigene Arbeit aus einer größeren Flughöhe zu betrachten. Man sollte sich fragen, ob die Sache in die richtige Richtung läuft und gegebenenfalls mit relevanten Stakeholdern sprechen. Bei größeren Projekten ist kontinuierliche Kommunikation essenziell. Wenn nötig, sollte man um Hilfe bitten und Kurskorrekturen vornehmen.
Frau Hirsch, vielen Dank für das Interview!
Fotos: Patrick Ohligschläger Veröffentlichung: November 2024
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